Eine Welt muss designt werden…

In meinem letzten Artikel ging es um Storytelling in Bildern und besonders darum, wieso ich das Haus meiner Protagonisten langweilig fand und es neu designen wollte. Vor allem wollte ich weg von einem äußerst generischen Haus und mehr Details zeichnen. Wenn Du den Artikel nicht gelesen hast – here you go.

Der erste Schritt – und leider war es bei mir der letzte – sollte immer sein, sich Fragen zu den Eigenschaften einer Figur oder eines Objektes der Geschichte zu stellen und erst dann um die Antworten herum die einzelnen Bilder zu designen. Dadurch hat man einen roten Faden an dem man sich bei jedem Bild orientieren kann.

Wie gesagt, ich hab es genau andersherum gemacht, was mich nun viele weitere Stunden Überarbeitung kosten wird. Aber erstmal die Antworten auf meine Fragen:

Wer wohnt in dem Haus?

Ein kleiner Junge und sein Kuscheltier. Das bedeutet, die können bestimmte Arbeiten gar nicht oder nur schwer ausführen, so dass z.B. an den Decken Spinnweben hängen. Oder sie basteln sich dann extralange Staubwedel. Und schmücken das Haus auf kindliche Art. Und vergessen auch mal die Blumen zu gießen oder die Weihnachtsdeko abzuhängen.

Wie fühlt es sich an?

Urig und gemütlich, wie ein übergroßes Kinderzimmer. Ein wenig wie die Villa Kunterbunt. Oder als ob Kinder spielen, dass sie in einem Haus wohnen. Aber auch ein wenig geheimnisvoll, mit vielen unbekannten Ecken, die durch die kindliche Phantasie zusätzlich aufgebauscht werden.

Wie riecht es? Wie hört es sich an?

Alt ist es und definitiv knarzt mehr als eine Holzdiele. Es gibt nur Kamine und Ofen aber keine Heizung. So wie damals, als man als kleines Kind die Großeltern besucht hat und das haus erkundet, während sie Mittagsschlaf machen.

Wo steht das Haus?

In einem kleinen Dorf, umgeben von Bäumen, etwas abseits aber nicht alleine oder einsam.

Wer hat es gebaut?

Vielleicht der Großvater des Jungen. Es erinnert ein wenig an mitteleuropäische Gebäude und ist eher märchenhafter als architektonisch korrekt.

Was zeichnet die Protagonisten aus?

Erfindungsreichtum, Neugier, Chaos und Träumerei.

Du siehst, ein paar Minuten Denkarbeit und ich habe zwar noch kein klares Bild vor Augen, aber ein Vorlage anhand der ich nun alles Gezeichnete prüfen kann.

Zusätzlich wird mir mehr über die Physik meiner Welt klar. Da die Protagonisten ein kleiner Junge und sein Kuscheltier sind, sehen sie die Welt einfach anders. Gewisse Dinge können übergroß sein. Tiere weitaus gefährlicher aussehen, als sie sind. Die Schuhe werden auch mal verkehrt herum angezogen und generell lassen Kinder ja auch mal gerne überall etwas liegen. Werkzeuge können anders verwendet werden, als gedacht, einfach weil die Protagonisten es nicht besser wissen. Hier bieten sich viele Möglichkeiten, um in den Bildern liebenswerte Details zu zeichnen.

… bevor du die Details zeichnest

Doch genug der Vorüberlegung und ran an das Redesign. Stichwort alt und ein wenig märchenhaft. Zuerst habe ich einfach drauflos gekritzelt und eine erste Seitenansicht gezeichnet. Ich wollte ja, dass es ein wenig verrückter aussieht und habe mich einfach vom Stift leiten lassen.

Details zeichnen - so fängt man an

Details zeichnen – so fängt man an

Diese erste Ansicht habe ich dann verfeinert und vor allem alle vier Seiten des Hauses gezeichnet. Ein paar Höhenlinien dienen hierbei der Orientierung und der Einhaltung der Proportionen.

Alle vier Seiten des Hauses werden gezeichnet

Alle vier Seiten des Hauses werden gezeichnet

Das Ganze habe ich dann eingescannt, ausgedruckt und nochmal überarbeitet, bis ich mit dem Endprodukt zufrieden war. Das sah dann so aus:

Fertige Ansicht des Hauses

Fertige Ansicht des Hauses

Detailarbeit: Von der Außenansicht zum Grundriss

Als nächstes kamen die Grundrisse und Seitenanrisse, die ich dann ebenfalls in mehreren Bearbeitungsschritten verbessert habe.

Für die Grundrisse der einzelnen Etagen habe ich die Grundlinien der Seitenansichten genommen und daraus einen groben Umriss gebildet. Dann die Details gezeichnet und eine Zimmeraufteilung überlegt, die die bisherige Geschichte ermöglicht.

Für die Seitenanrisse habe ich in Photoshop die Fassadendetails gelöscht und lediglich die Umrisse ausgedruckt. Dann entstanden mit viel TipEx und Finelinern die einzelnen Etagen. Hierbei musste ständig mit den anderen Ansichten und Grundrissen gegengeprüft werden, ob das ganze Konstrukt noch einheitlich aussieht und vor allem Sinn ergibt.

Ich muss als Fazit zwar sagen, dass man nicht so sehr ins Detail gehen muss. Aber mir macht diese architektonische Tüftelei unglaublich Spaß, grade weil ich mir dann umso besser vorstellen kann, wie die beiden Hauptcharaktere durch das Haus streunern und Abenteuer erleben.

Innenansicht - die Details zeichnen (ganz rechts noch ein unbearbeiteter Seitenanriss)

Innenansicht – die Details zeichnen (ganz rechts noch ein unbearbeiteter Seitenanriss)

Es gibt aber auch noch einen weiteren, wichtigen Vorteil dieser detaillierten Vorarbeit.

Ideen für Geschichten

Während ich den Grundriss gezeichnet habe, fand ich die Deckenhöhe des Erdgeschosses zu hoch und überlegte, ob ich das Haus nochmal kürzen muss. Dabei ist mir die Geschichte um ein verstecktes Stockwerk eingefallen, in dem alles viel kleiner ist, ich glaube ein wenig inspiriert von “Being John Malkovich”. Wenn ich mich recht erinnere, gibt es dort ebenfalls ein zusätzliches Stockwerk, wo man immer geduckt laufen muss, weil es nur halb so hoch ist wie ein normales Stockwerk.

So könnten im Haus ständig Dinge verschwinden und eines Nachts bemerken die beiden vielleicht kleine Wesen, die die Socken klauen und durch ein Loch im Treppenhaus in dieses Zwischenstockwerk abhauen.

Und ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wer das Haus gebaut hat und wie es dazu kam, dass der Knirps und der Hase darin wohnen. Sie könnten dann z.B. ein Tagebuch dieser Person studieren oder sogar ihren Geist kontaktieren, um den Eingang zu diesem Stockwerk zu finden. Oder irgendwann den Geist sehen, wie er immer in das Stockwerk verschwindet und an einer bestimmten Stelle durch die Wand geht oder es gibt einen Geheimgang in einer großen Standuhr den er benutzt.

Innenansicht Teil 2

Innenansicht Teil 2

Du siehst, all das wäre mir ohne den detaillierten Grundriss und die Arbeit daran gar nicht eingefallen. Doch es gibt sogar noch einen weiteren Vorteil dieser detaillierten Vorarbeit.

Und Ideen für Bilder

Wenn man sich so intensiv mit den Räumlichkeiten auseinandersetzt, führt das dankenswerterweise dazu, dass man viele neue Ideen für Bilder bekommt. Ich habe mir z.B. Gedanken über den Flur gemacht und wie es dort aussieht. Hängen dort schöne Bilder vom Opa oder Hinweise auf zukünftige Geschichten.

Oder ich habe mir überlegt, wie es im Lesezimmer aussehen könnte und wie die beiden am Kamin in einem Ohrensessel sitzen.

Und durch die verschiedenen Grundrisse und Seitenansichten fällt es mir viel leichter, mich in das Haus hineinzudenken, die “Kamera” des Beobachters zu platzieren und aus jedem Blickwinkel Situationen zu zeichnen.

Vorher habe ich quasi aus dem Gedächtnis ein Zimmer gezeichnet. Das birgt dann die Gefahr, dass sich viele Ansichten wiederholen, die Räume auch nicht so detailreich ausgestattet sind und sich nicht natürlich anfühlen. Einfach weil man die ewig gleichen Gimmicks zeichnet. Das passiert selbst Bestseller-Profis, wie man gut beim kleinen Raben Socke sehen kann. Ich sage nur inflationärer Gebrauch von Luftballons, Zetteln an Bäumen und Wegweisern.

Doch zurück zur Zeichnung. Hier habe ich nun endlich genaue Maße, mit denen ich in Zukunft arbeiten kann.

Genaue Maße? Ganz einfach. Ich habe mir überlegt, dass der kleine Junge zwischen 3 und 4 Jahre alt ist und deshalb etwas größer als einen Meter sein müsste. Das lässt sich dann als Grundmaß übertragen. Demnach ist das Haus 13 Meter hoch, die Dachkammer 1.70 Meter und die Türen 1.75 Meter.

Innenansicht Raumplanung

Innenansicht Raumplanung

Das hört sich doch ganz brauchbar an und führt mich direkt zu zwei Ideen, einem Problem und einer Herausforderung.

Zwei Ideen, ein Problem und eine Herausforderung

Die erste Idee ist schnell gesagt. Ich könnte das mit dem Plan noch auf die Spitze treiben und an einem richtigen 3D Modell arbeiten. Ob nun gebastelt oder am Computer überlege ich mir noch, aber das wäre langfristig – also bei mehreren Buchprojekten in diesem Erzähl-Universum – eine echte Hilfe.

Und zweitens habe ich Lust bekommen, die Geschichte anders zu beginnen. Nicht nur, dass mir der Grundriss die Sicherheit gibt, auch schwierigere Perspektiven umzusetzen, an die ich mich vorher nicht heran getraut habe. Ich lese außerdem grade das geniale Buch Story* von Robert McKee. Eigentlich richtet es sich an Drehbuchautoren, ist aber generell für jeden Geschichtenerzähler eines der besten Bücher, die es zu dem Thema gibt. Und eine Sache ist besonders hängengeblieben: Es muss ein starkes auslösendes Ereignis geben, dass die Protagonisten aus ihren täglichen Routinen wirft!

Und das gibt es derzeit nicht. Die Story fängt tatsächlich einfach so an. Ich habe da schon eine Idee, aber darüber schreibe ich dann ein andermal.

Das Problem betrifft das Dachzimmer, welches ich probeweise mit Wasserfarben umgesetzt hatte.

Der kleine Knirps sitzt morgens am Schreibtisch und zeichnet einen Plan, wie er zum Mond kommen will. Großohren liegt noch im Bett und schläft.

Morgenstund hat Gold im Mund

Unabhängig von der dreieckig oder viereckig Problematik des Fensters und, dass der Raum an der einen Seite viel kürzer ist, als auf der anderen, fällt die Sonne jetzt aus der falschen Richtung. Ich werde das nochmal in einem eigenen Artikel näher beleuchten, aber das Fenster des Dachzimmers geht nach Osten und der Knirps sitzt an der südlichen Wand. Das heißt, die Sonne fällt von Nordosten her in das Zimmer rein. Da das Haus aber in meiner Phantasiewelt auf der nördlichen Hemisphäre steht, kann dies nicht sein. Die Sonne wandert im Süden und müsste von rechts ins Fenster scheinen.

Und die Sonnenstrahlen legen ja den Fokus auf den Jungen, wie er zeichnet. Deswegen kann ich nicht einfach nur die Richtung ändern. Das heißt, das Zimmer bekommt ein Redesign.

Und wo wir schon bei Redesign sind, hier die Herausforderung. Dieses Bild, also eigentlich die Doppelseite wird auch überarbeitet. Hier soll im Hintergrund logischerweise das neue Haus stehen und im Zuge dessen werde ich auch einige Altlasten aus der Tinte und Feder Epoche über Bord werfen.

Nicht nur das Haus wird im Zuge des neuen Grundrisses komplett überarbeitet

Nicht nur das Haus wird im Zuge des neuen Grundrisses komplett überarbeitet

“Oh nein” höre ich einige besorgte Stimmen, “hier wird ja ewig verschlimmbessert. Du wirst niemals fertig und man muss auch mal zufrieden sein”. Das stimmt zwar, aber ich habe mir ein paar Gedanken zum Thema autodidaktisches Zeichnen, Learning on the job und Zeitplan bei eigenen Projekten gemacht und werde dazu in einem meiner nächsten Artikel eingehen.

Du siehst, viele neue Ideen, nicht nur für alte und neue Bilder, sondern auch für einige Artikel.

Und wie läuft’s bei Dir, planst Du detailliert im Voraus oder tappst du auch eher in die Falle, überall aus deinem künstlerischen Gedächtnis zu zeichnen, weil Du denkst ein echter Künstler zeichnet ad hoc und ohne Referenz? Sehen Teile deines Bildes generisch aus, so dass Du dringend überarbeiten musst?

Schreib spannend, zeichne mit Liebe, langweilig gibt’s schon genug.

Niels

*Amazon Affiliate Link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü

Abonniere meinen Newsletter und erhalte erstmal nichts. Gibt eh schon viel zu viele Freebies. :)

Aber Du wirst der erste sein, der über neue Artikel informiert wird und Premium Tips bekommt.

Ist doch was oder?