Tony Wolf – Warum Detailverliebtheit trotzdem eine gute Story braucht

“Jeder ist überzeugt, er könne Bücher kritisieren, nur weil er lesen und schreiben gelernt hat.”

William Somerset Maugham

Ja ich bekenne, auch ich denke die meiste Zeit, ich könnte über eine Kinderbuchreihe referieren, nur weil ich sie gelesen habe. Aber Buchbesprechungen sind immer heikel, weil sie auch immer eine persönliche Geschmackssache sind.

Doch wir wollen ja auch etwas lernen. Nicht nur von den guten, sondern auch von weniger guten Umsetzungen.

Daher will ich mich hier an eine Buchbesprechung wagen. Die Reihe Geschichten aus dem Fabelwald, vom alten italienischen Profi Tony Wolf, der liest meinen Blog sowieso nicht.

Und wenn doch, buongiorno Tony 🙂

In Pensionen oder kleineren Hotels gibt es immer diese Regale, in denen alte abgewetzte Büchern anderer Urlauber stehen. In unserem letzten Urlaub gab es sogar fünf davon. Und dort bin ich über das Kinderbuch Geschichten aus dem Fabelwald – von Tieren und Zwergen von Tony Wolf gestolpert.

Kannte ich gar nicht diesen Tony Wolf, aber seitdem hab ich hin und wieder Bilder von ihm gesehen. Beim Kinderarzt, in der Bibliothek, in irgendeiner alten Illustrierten.

Er hatte die Bilder des Buches gezeichnet und auch die Geschichten dazu geschrieben. Also genau das, was ich auch machen will. Das fand ich schon mal spannend. Ich habe das Buch dann gleich meinem kleinen Sohn vorgelesen und was soll ich sagen.

Ich fand es stellenweise recht süß, andererseits aber auch ganz schön schwach. Und wie das dann immer so ist, wenn ich über Kinderbücher und Design und Storytelling nachdenke, brauche ich eine Denkfolie,  jemanden dem ich einen langen Vortrag halten kann.

Meistens meine Frau. Diesmal hatte sie aber keine Lust, hat nur abgewunken und gesagt, schreib’s auf deinen Blog.

Das macht dann wohl dich zu meiner Denkfolie. Ich hoffe das stört dich nicht.

Tony Wolf – Feen kommen plötzlich an, warum auch nicht.

Tony Wolf – Wer ist das?

Wie gesagt, kannte ich Tony Wolf noch gar nicht. Dabei sahen seine Bücher hochgradig professionell aus.

Tony Wolf  ist das Pseudonym von Antonio Lupatelli der 1930 in Busseto, geboren wurde und bei Payot Film Storyboards zeichnete.

Zeitgleich war er für den britischen Verlag Fleetway tätig, wo er quasi in Dauerschleife verschiedene Geschichten, z.B. Freddy Frog, Fun in Toyland oder Jack and Jill illustriert hat, so dass jeder, der in den 50ern und 60ern in Großbritannien aufgewachsen ist, seine Bilder kennt.

Ab 1961 illustrierte er Fabeln, Kinderbücher, sowie Schulbücher für den italienischen Verlag Fratelli Fabbri Editori. Hier zeichnete er zum ersten mal unter dem Pseudonym Tony Wolf.

Und ab 1978 illustrierte er für den Verlag Dami Editore, unter anderem jene Geschichten aus dem Fabelwald, die ich dann gefunden habe.

Geschichten aus dem Fabelwald – Worum geht es?

Die Reihe besteht aus sechs Büchern und nach dem Urlaub hab ich mir gleich ein paar davon gekauft, weil ich wissen wollte, wie die Geschichten weitergehen und als Inspiration.

Alles fängt mit einer Gruppe Tiere an, um die es im ersten Buch geht.

Die Zwerge finden die Tiere auf einem Baum nach der Flut. Bild aus dem Buch von Tieren und Zwergen von Tony Wolf

Beginn des zweiten Buches – Die Tiere treffen die Zwerge

Im zweiten Teil treffen sie dann auf Zwerge und dann kommen pro Buch immer weitere Gestalten hinzu. Im dritten Buch sind das dann Riesen, dann Kobolde, dann Feen und im sechsten Band dann Drachen.

Die einzelnen Geschichten sind meist nicht länger als zwei Seiten und bauen auch nur minimal aufeinander auf, dazu aber gleich noch.

Die Bücher sind durch einen kleinen Cliffhanger miteinander verbunden, zum Beispiel müssen sich die Tiere im ersten Buch vor einer Flut retten und sehen dann plötzlich ein paar kleine Gestalten am Horizont. Damit beginnt dann das zweite Buch.

Macht man das heute noch so mit Cliffhangern? Die armen Kinder schlafen doch dann bestimmt vor Neugierde ganz schlecht und die Eltern schimpfen auf den Autor.

Bilder – Ein Profi mit Liebe zum Detail

Die Bilder von Tony Wolf sind bestimmt auch Geschmackssache, manch einer kann mit diesem rote Bäckchen – 70er Jahre Stil nichts anfangen, mir persönlich gefallen sie ziemlich gut.

Er hat eine gute Technik, grade bei der Struktur und Textur der Bilder.

Die Figuren sehen drollig aus, er arbeitet mit guten Perspektiven – nicht nur alles flach frontal von vorne drauf – und was mir besonders gut gefällt, sind die richtig gut gezeichneten Details.

Besonders, wenn es um architektonische oder konstruktionstechnische Details der Häuser und Maschinen geht.

Tony Wolf – Geschichten aus dem Fabelwald. Von Tieren, Zwergen und Riesen. Details in den Maschinen sind richtig gut.

Man sieht förmlich, dass sich der gute Antonio hier Gedanken gemacht hat und vermutlich in einem italienischen Bergdorf gezeichnet hat, wo er die alten ratternden Maschinen der Müller in Aktion sehen konnte.

Tiere und Zwerge bauen einen Aufzug für ein Baumhaus

Tony Wolf – Tiere und Zwerge – Ein Aufzug wird gebaut

Hier noch ein anderes Beispiel, wo die Zwerge den Tieren einen Fahrstuhl bauen. Auch hier wieder schön zu sehen, wie liebevoll das alles geplant und gezeichnet ist.

Ich finde von den Bildern kann man lernen, wie man eine Welt plausibel und dicht gestaltet. Dazu habe ich ja hier schon etwas geschrieben.

Geschichten – Ein guter Zeichner ist noch lange kein guter Geschichtenerzähler

Der Wermustropfen. Die Geschichten sind schwach. Ich lass mal die Katze aus dem Sack, genau genommen passiert eigentlich nichts.

Ich halte es mit Robert McKee in seinem genialen Buch Story*:

“Wenn dein Hauptcharakter am Ende deiner Geschichte noch genau so ist, wie an ihrem Anfang, dann ist deine Geschichte es nicht wert, erzählt zu werden.”

Das gilt meiner Meinung nach auch für Kinderbücher, wo man ja bei Charakterentwicklung gerne mal ein Auge zudrückt.

Das Storytelling der Bücher hat drei große Schwächen. Die fehlende Unabhängigkeit der Geschichten zu den Bildern, der fehlende Entwicklungs- / Spannungsbogen und ein fehlender Hauptcharakter.

Keine Unabhängigkeit von Geschichten zu Bildern

Ich stoße immer wieder auf dieses Phänomen. Es gibt so viele talentierte Illustratoren, die wirklich richtig schöne Bilder zeichnen. Und dann als Geschichtenerzähler versagen, weil sie einfach nur beschreiben, was auf dem Bild passiert. Wahrscheinlich weil man als Illustrator immer stark visuell denkt?

Das ist insofern ärgerlich, weil Bild und Geschichte als eigenständige Medien genutzt werden können, da sie ganz unterschiedliche Stärken haben.

Zum Beispiel lassen sich in Bildern Details unterbringen, mit denen man dann den Leser nicht zu langweilen braucht oder witzige Subplots, die sich von Bild zu Bild entwickeln. Mit Bildern lässt sich auch viel besser eine Stimmung transportieren, die uns unterbewusst anspricht.

Worte wiederum gewähren Einblicke in das Innenleben eines Charakters, seine Gedanken, Ängste, Träume, die sich mitunter schwer auf Bildern darstellen lassen.

Zum Beispiel gibt es ganz zu Beginn ein Frühlingsfest. Die Geschichte dazu beschreibt aber letzten Endes nur, was man sowieso auf dem Bild sieht. Ein Frosch kommt und ihm wird das Fest erklärt. Ein anderer Frosch tanzt mit der Elster und das Kaninchen mit dem Igel. Und das Eichhörnchen? Richtig es zapft Sirup.

Warum nicht einen Krimi machen? Mitten während des Frühlingsfests fiel dem Hamster auf, dass seine goldene Uhr nicht mehr da war. Er dachte nach, wo hatte er sie zuletzt gesehen? Hatte er sie nicht vor einer Stunde noch aufgezogen und die Elster nach der Uhrzeit gefragt?

Oder eine Liebesgeschichte. Frosch und Elster und der eifersüchtige Hamster.

Und warum beschreibt Tony Wolf eigentlich nur, anstatt sein Bild zu ergänzen und andere Sinne anzusprechen. Wie riecht der Frühling, wie hört sich die Musik an, wie knirscht der Sand unter den Füßen beim Tanz?

Kein Entwicklungs- / Spannungsbogen

Hinten auf den Büchern steht, dass die Geschichten in sich geschlossen sind. Das stimmt, ist aber nicht unbedingt gut. Auf ein zwei Seiten kann man einfach keine schönen Geschichten erzählen, das sind dann immer so kleine Belanglosigkeiten, aus denen sich selten eine Konsequenz für die weitere Handlung ergibt.

Es gibt z.B. im zweiten Buch eine Geschichte wo der Wald brennt, der dann durch den Zusammenarbeit aller Tiere und Zwerge gelöscht wird. Hier wäre es aber vielleicht gut gewesen, wenn nur die Tiere den Brand gelöscht hätten, weil jeder von ihnen etwas besonders gut kann und so das Dorf der Zwerge gerettet hätten.

Denn bis dato wohnen die Tiere bei den Zwergen – sie mussten ja vor einer Flut fliehen – aber irgendwie bauen die Zwerge ihnen immer nur tolle Wohnungen und Maschinen und man veranstaltet Wettrennen.

Oder im vierten Buch mit den Kobolden, wo plötzlich schwarze Kobolde, die Guzznags auftauchen. Die sind dann für zwei Geschichten da und machen böse Streiche und dann führt sie einer der guten Kobolde mit einer Flöte in einen Zauberfluss, wo sie alle zu Fischen werden.

Welchen Sinn macht es, die Guzznags einzuführen, wenn sie nicht das komplette Buch als Antagonisten dienen? Und ohne große Erklärung zu Fischen werden? Wieder ein gezeichnetes Bildes, zu dem sich der Illustrator dann eine Geschichte überlegt hat.

Ein  letztes Beispiel von den vielen, die mir hier einfallen. Die Tiere wollen einmal im fünften Buch zum Mond und eine Fee zaubert ihnen eine Leiter bis dorthin. Alle beeilen sich und klettern dann übereinander und nebeneinander und … geben dann auf. Am Ende gibt’s noch Melonen für alle.

Hier wird Spannung aufgebaut – schaffen es die Tiere, was gibt es auf dem Mond – und dann nicht erfüllt. Das ist ja mal frustrierend. Warum haben nicht ein zwei Protagonisten durchgehalten und dann Melonen für alle vom Mond mitgebracht. Mondmelonen oder was weiß ich?

Kein Hauptcharakter

Das größte Manko aber ist der fehlende Protagonist. Es gibt keine Identifikationsfigur für den Leser, schon gar nicht für Kinder. Ich konnte das gut bei meinem kleinen Sohn beobachten, der fand die Geschichten gar nicht spannend und war von dem Buch schnell gelangweilt.

Er war nicht investiert, wie man so schön sagt.

Ohne Hauptcharakter, dem man als Autor Steine in Weg legen kann und Probleme bereitet, gibt es kein Dilemma. Und ohne Dilemma keinen Konflikt der sich zum Höhepunkt verdichtet, wo der Konflikt dann gelöst wird. Und ohne Höhepunkt keine spannende Geschichte.

Es gibt zwar richtig viele Charaktere, aber keinen der Wünsche hat, keinen der etwas erreichen will, keinen der anders ist. Man lernt die einzelnen Charaktere gar nicht kennen. Die wenigsten Tiere haben einen Namen oder besondere Eigenschaften, durch die sie sich auszeichnen können.

Auf Seite eins des ersten Buches taucht wie gesagt ein Frosch auf, den niemand kennt. Mit ihm hätte man all die Abenteuer erleben können, er hätte unser Fenster in den Fabelwald sein können, aber über ihn wird danach nicht mehr gesprochen und so plätschert man von Minigeschichte zu Minigeschichte, ohne dass irgendwas im Gedächtnis bleibt.

Vertane Chance - Schöne Bilder aber keine Identifikationsfigur

Vertane Chance – Schöne Bilder aber keine Identifikationsfigur

Fazit

So genug der wilden Worte – ich schreibe mich immer gerne in einen Rausch, wenn ich ins Dozieren komme – aber es soll ja auch etwas bei einer Buchbesprechung rauskommen:

Ich finde die Bücher von Tony Wolf grade als Inspirationsquelle für Illustrationen sehr gut und habe einiges mit- und in meine Bilder übernommen.

So habe ich z.B. in einem meiner Bilder die Kleinlebewesen wie Käfer und andere Insekten größer gemacht und generell den Vordergrund präsenter gestaltet. Ich probiere seitdem auch, technische Elemente detailverliebter und präziser zu malen und nicht mehr aus dem Kopf zu zeichnen, sondern wirklich nach einer Referenz suchen.

Käfer größer - Vordergrund präsenter - Danke Tony Wolf

Käfer größer – Vordergrund präsenter – Danke Tony Wolf

Aber dennoch hatte ich bei der Lektüre grade im Bereich des Storytellings immer das Gefühl, dass hier die Chance vertan wurde, wirklich gute Geschichten zu erzählen und darum geht’s mir ja auf diesem Blog.  🙂

Daher meine Erkenntnisse aus fünf Büchern Tony Wolf.

1. Baue deine Geschichte um einen Hauptcharakter, der an einer Herausforderung wächst. Das muss nichts dramatisches sein, nur ein Wunsch oder Problem, das ihn aus seinem Alltagstrott herausreißt.

2. Erschaffe einen Spannungsbogen, der sich über deine Geschichte erstreckt. Konflikte sollen sich verdichten, bis auf dem Höhepunkt der Knoten platzt.

3. Erzähle deine Geschichte so, dass der Leser das Gefühl hat, die ganze Geschichte wurde erzählt und er nicht unbefriedigt zurückgelassen wird.

4. Sei konsequent. Konsequenz meint, wenn etwas auf den ersten Seiten passiert, dann muss das auch Auswirkungen auf den weiteren Geschichtsverlauf haben und wenn es keine Konsequenz hat, zur Geschichte nichts beiträgt, dann lasse es weg, sonst langweilst du deine Leser.

5. Trenne Bild und Geschichte. Das kann man nicht oft genug sagen, doch Bild und Geschichte sind ganz unterschiedliche Medien. Nutze die jeweiligen Vorteile, um deine Geschichte bestmöglich zu erzählen.

So das war’s es mit dieser Buchbesprechung. Schreib spannend, langweilig gibt’s schon genug.

Dein Niels

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